Okkervil River – Okkervil River R.I.P.

Das neue Album von Okkervil River Album Away wird im September erscheinen. Dem Vernehmen nach wäre es fast nicht unter dem alten Bandnamen erschienen, der Sänger und Songschreiber Will Sheff nahm die Songs größtenteils mit anderen Musikern auf. Trotzdem entschied er sich letztlich die Musik als Okkervil River zu veröffentlichen, wie seit ungefähr 15 Jahren.

Es wird jedoch das wahrscheinlich letzte Album der Band sein, und so ist die erste Auskoppelung und der Eröffnungstrack dann auch programmatisch betitelt: Okkervil River R.I.P. Im Video sieht man wie Sheff Zeuge seiner eigenen Beerdigung wird – eine offensichtliche Symbolik des Abschlusses und Neugeburt. Der Text des Liedes ist im Vergleich dazu einigermaßen kryptisch, die eben angesprochenen Themen scheinen nur unregelmäßig durch. Musikalisch scheint es wie ein Schritt in Richtung Wurzeln, weg vom 80er Pop-Rock des letzten Albums, hin zu akustischeren, organischeren Instrumentierungen.

Angesichts des scheinbaren Endes von Okkervil River werden wir uns auf vorkopplung in den nächsten Wochen an einer Übersicht über das Gesamtwerk der Band versuchen. In mehreren Teilen hören wir uns noch einmal chronologisch durch ihre Diskographie, mit Away endend. Mehr dazu und den ersten Teil gibt es in den nächsten Tagen!

[Away erscheint am 9. September; vorbestellen | Bildquelle/Video]

Jards Macalé -Soluços

Ungefähr nach zwei Dritteln des wunderbaren Films A Cidade Onde Envelheço tritt eine der Protagonistinnen in einen winzigen Plattenladen, auf der Suche nach einem Geschenk. Der Verkäufer fragt, welche Musik sie mag und sie nennt Caetano Veloso, besonders die Sachen aus den 70ern, die melancholischeren. Als Empfehlung legt der Verkäufer, und mit ihm der Film, Soluços von Jards Macalé auf ­– es beginnt, die Szene endet.

Stattdessen sehen wir wie Belo Horizonte an einem Fenster vorbeirauscht, eine Kreuzung nach der anderen. Während sich das Lied nun hochschaukelt, verdichten sich auf intensive Weise auch die Emotionen, die der Film bisher nur subtil angelegt, noch nicht ausbuchstabiert hat. Das Heimweh und der Schmerz, den der Abschied aus der Stadt mit sich bringen wird. Soluços hält dies in sich und besonders Macalés Stimme verdeutlicht mit einem Mal, was auf dem Spiel steht. Eine tolle Sequenz aus einem tollen Film, große Empfehlung rundherum.

[Website | mehr zu A Cidade Onde Envelheco von mir an anderer Stelle | Bildquelle]

bed. – Billy Joel

Trotz des Titels kommt mir beim Anhören von Billy Joel nicht Billy Joels Musik in den Sinn, sondern vielmehr die Indie-Rocker Seam, die in den 1990ern aktiv waren. Deren Album Are You Driving Me Crazy? war 2005, 10 Jahre nach Erscheinen, wahrscheinlich eines meiner meistgehörtesten Alben des Jahres. Mit seiner Mischung aus langsamer Melancholie und geradlinigen Rock scheint es heute wie gemacht für die Irrungen von damals.

Billy Joel von bed. transportiert mich nun zurück in jene Zeit, zurück in diese seltsamen Teenager-Tage. Die Stimmung des Liedes passt perfekt zu solchen Exkursionen, die zurückhaltende Stimme, die wunderbar mit dem wummernden Bass harmoniert und das nur leicht variierende Tempo. Heraus kommt eine stete Fahrt durch sanfte Hügellandschaften, wo Erinnerungen kurz unaufdringlich aufflackern, nur um genauso schnell wieder zu verblassen.

[kaufen | Bild von Emi Uekoa]

Furguson – Black Cloud / Can You Hear Me?

Vielleicht liegt es am sonnenverwöhnten Spanien, aus dem Furguson stammen, dass in ihrem neuesten Lied eine schwarze Wolke als unerreichbarer Sehnsuchtsort erscheint. Eduard Vilas kryptischer Text hallt von weit her, wie die ersten Anzeichen eines Sturmes, wie die Verdunkelung des Himmels – jedoch ohne Bedrohlichkeit, ohne Unheil zu verkünden.

Auch Can You Hear Me? entwickelt eine ähnliche Atmosphäre: zwischen Lakonie und Fernweh wiederholt Vila die titelgebende Frage, untermalt von zahlreichen elektronischen Spielereien. Es klingt verzweifelt und hoffnungsvoll zugleich, weniger ein Flehen als eine aufrichtige Nachfrage in verwirrenden Zeiten.

[Bandcamp]

Amber Arcades – Fading Lines

Die Stimme der niederländischen Musikerin Annelotte de Graf, die sich hinter Amber Arcades verbirgt, klingt nüchtern. Fast monoton gleitet sie in minimalen Wellen dahin und legt sich auf die ebenso dahinfließenden Gitarren-Riffs, die unaufgeregt auf und ab steigen.

Mit seiner Monotonie regt Fading Lines an, abzuschweifen und gedanklich an irgendeinem anderen Ort aufzutauchen. Zumindest für vier Minuten, denn dann verhallen die Gitarren in sekundenschnelle und plötzlich heißt es: Aufwachen! Wem das zu kurz ist, der sollte einfach repeat einstellen – dann kann es eine Weile dauern, bis es sich ausgeträumt hat.

[Das Album Fading Lines kaufen | Amber Arcades spielen am 11. August 2016 auf dem Haldern Pop Festival in der Haldern Pop Bar | Foto von Matthew Potter]

Fog Lake – Rattlesnake

Fog Lake brauchen nicht viel um eine ganz bestimmte Stimmung zu erzeugen. Eine E-Gitarre, die weder schnarrt noch zerrt, eine effektbeladene Stimme, ein Schlagzeug und nicht mehr. Daraus entsteht eine süße Melancholie, mit Rattlesnake ein Lied, das sich öffnet und schließt, das die Dämmerung eintreten lässt.

[Bandcamp]

Andrew Bird – Truth Lies Low

Die Geräusch-Welt, die Truth Lies Low vorführt, ist unergründbar. Schon das anfängliche Wabern scheint aus verschiedenen Überlagerungen zu bestehen und klingt so komplex, dass eine Einordnung schwer fällt. Gleichzeitig macht diese anfängliche, eindringliche Bassline den Song aber besonders zugänglich. Sie ergreift die Aufmerksamkeit des Hörers und zieht ihn auf Andrew Birds sphärische und doch bodenständige Pfade. Auf diesen begegnet er genauso gezupften Streichinstrumenten, deren Töne in der schwülen Sommerluft fast ersticken, wie gestrichenen, die ihre Melodien harmonisch dahinhallen lassen. All das baut sich mit Andrew Birds Stimme zu einer sommerlichen Hymne auf, die irgendwann geschmeidig vor sich hingleitet.

Truth Lies Low erzählt neben und mit dieser musikalischen Vielfalt, die sich zu einem Ganzen vereint, vom Verstecken – das jedoch scheitert. Es berichtet von Lügen, die sich vor der Wahrheit nicht mehr retten können, die sich zwar panisch vermehren, aber am Ende doch vor der Wahrheit die weiße Flagge hissen müssen.

[Album-Stream / kaufen | Foto von Matthew Fern]