Haldern-Highlights auf den Punkt gebracht

Amber Arcades, Donnerstag 11. August 2016, 15:30 Uhr – Haldern Pop Bar

Was für ein sanfter und doch bewegter Einstieg ins Haldern. Die im Rhythmus wankende, baby-blaue Trucker-Cap auf dem Blondschopf ist immer noch im Kopf – und die süßen Ansagen in Niederländisch-Englisch-Deutsch sowieso.

The Besnard Lakes, Donnerstag 11. August 2016, 22:55 Uhr – Spiegelzelt

Saucoole Gitarrengewalt. The Besnard Lakes stachen aus dem diesjährigen Haldern heraus. Die Kanadier haben das Spiegelzelt regelrecht mit ganzen Klangwelten erfüllt. Die vom Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas durch viel Erfahrung geprägte über zehnjährige Bandgeschichte machte sich bemerkbar – es klang einfach perfekt.

Me + Marie, Samstag 13. August 2016, 14:45 Uhr Haldern Pop Bar

Ein leichter Wind weht durch Haldern, die Sonne schickt ausnahmsweise ein paar Strahlen durch den bewölkten Himmel. Es kommt beinahe Herbststimmung auf. Nur noch vereinzelt zeigen sich im Dorf Festivalbesucher: Die wenigen, die den Weg vom Campigplatz in den kleinen Ort noch einmal auf sich genommen haben tummeln sich in und vor der Haldern Pop Bar. Sie lauschen, den unaufgeregten melodischen Chords, den sanften Schlägen auf dem Drumset – die Streicheleinheiten gleichen – und dieser bezaubernden Stimme. Zwischen Armen, Köpfen und Schultern hindurch ist ein kurzer Blick auf die wallenden schwarzen Locken und das zufriedene Grinsen zu erhaschen. Ein absoluter Moment des Glücks, mit dem der Herbst ruhig kommen darf.

Jambinai, Freitag 12. August 2016, 02:20 Uhr – Spiegelzelt

Eigentlich hatte die Müdigkeit fast gesiegt, aber das was es da zu sehen gab war viel zu kurios und aufregend – also hieß es: Wach bleiben! Neuentdeckungen aus anderen Kulturen gehören eben auch zum Haldern dazu und in tiefer Nacht wirken diese noch einmal umso intensiver. Haegum, Piri oder Geomungo sind in Europa nur wenig bekannt und gerade das machte den Auftritt von Jambinai so beeindruckend. Die Südkoreaner vermischen Moderne und Tradition indem sie klassische asiatische Instrumente mit E-Gitarren, Schlagzeug, Bass und einigen elektronische Loops kombinieren. Heraus kommt ein Ritt, der von anfangs vereinzelten Tönen, die ins Leere schallen, hin zu die Ohren betäubendem Post-Rock und Nu-Metal galoppiert.

Yak, Samstag 13. August 2016, 20:20 Uhr – Spiegelzelt

Für diesen heißen, verschwitzten, großartigen Moshpit gibt es eigentlich nur eine treffende Beschreibung: Yak!

Frightened Rabbit, leider abgesagt.

Das wäre womöglich der perfekte Abschluss gewesen, aber es hat nicht sein sollen. Die Schotten haben ihren Auftritt aufgrund eines Social-Media-Melt-Downs von Scott Hutchinson abgesagt. Im Herzen waren sie trotzdem dabei und auf beim Campingplatz sowieso.

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Element of Crime bei Das Fest

Element of Crime live bei „Das Fest“

Außerdem rief Hamburg-Heiner wieder an.
HH: Hast du die FAZ am Sonntag gelesen?
Sven: Die heißt nicht FAZ am Sonntag, die heißt FAS.
HH: Quatsch, das ist die FAZ am Sonntag. Hast du das über euch gelesen?
Sven: Ja.
HH: Ganz gut, oder?
Sven: Ja sicher!
HH: Kann man nicht meckern!
Sven: Tu ich auch nicht.
HH: Kommt dir das nicht langsam komisch vor?
Sven: Was?
HH: Hast du nicht auch das Gefühl, dass es langsam mal Zeit wird, dass ihr mit eurer Band auch mal was auf die Schnauze bekommt?
Sven: Also wegen mir…
HH: Mir wäre das unheimlich. Je länger sich das hinzieht mit der Loberei, desto schlimmer gibt’s später auf die Schnauze.
Sven: Das geht aber schon 20 Jahre so.
HH: Mein ich ja! Umso schlimmer.
Sven: Da kommt schon noch was Böses.
HH (hoffnungsvoll): Meinst du?
Sven: Wahrscheinlich demnächst.
HH: Dann ist ja gut.

Aus:
Sven Regener, Meine Jahre mit Hamburg-
Heiner. Logbücher. Berlin 2011.

Ob an Hamburg-Heiners Theorie wohl etwas dran ist? Schwer zu sagen. Jedenfalls scheint die Band bisher von ihr verschont zu sein, denn nun sind es schon 25 Jahre seit denen Element of Crime erfolgreich unterwegs sind. Auch bei ihrem Auftritt bei Das Fest in Karlsruhe gab es für die Band wieder einmal nichts auf die Schnauze. Dabei hätte es bei dem heterogenen Festival-Publikum auch ganz anders laufen können, denn hier und da hörte man den ein oder anderen Besucher Sätze raunen wie: Was ist das denn für ne Rentner-Band? Doch das vermeintliche Alt-Herren-Kollektiv zeigte seinem Publikum wie man richtig unterhält, nämlich eigentlich ganz einfach – Sven Regener kündigte vorab an: Das wird ein Abend mit Liedern von Element of Crime.

In diesen Liedern bleibt die Band sich und ihrer Musik treu. Das literarische Feingefühl Sven Regeners – das oben nur unschwer zu erkennen ist – gepaart mit der mal euphorischen aber meist melancholischen Musik ist seit Bandgründung Programm. So fällt auch kaum auf, dass Element of Crime munter zwischen ihren Alben hin und her wechseln. Das Konzert klingt trotzdem wie aus einem Guss. Mit dabei sind von Straßenbahnfetischismus geprägte Texte – in gefühlt jedem zweiten Lied kommt das Transportmittel irgendwie vor – quäkige Trompetenklänge und wunderbare Gitarrenriffs, die weder zu nüchtern noch zu verspielt sind. Das alles wird untermalt von Bass- und Schlagzeugrythmen, die zum Schunkeln und Tänzeln anregen; so sehr dass man sich manchmal fragt: Ist das eigentlich Schlager? Aber dann kommt doch wieder ein erfreulich unterwartetes Element daher oder man muss über die subtile Komik grinsen, die so ganz gegenläufig zum Schlager ist.

Leider endete der Liederabend von Element of Crime dann viel zu schnell. Zwar spielte die Band zwei Zugaben und war merklich angetan vom Karlsruher Publikum, doch der Schlusspunkt Über Nacht brachte das Gefühl zum Ausdruck, das wohl einige Zuhörer und auch die Band selbst plagte. Darin heißt es … und kaum dass ich einmal nicht müde bin / ist der Sommer schon wieder vorbei. Treffendes, trauriges Ende.

[Element of Crime waren am 24.07. die Abschlussband bei Das Fest 2016 in Karlsruhe | Lied Rette mich und anderes kaufen | Weiterlesen ]

Dan Mangan – Kitsch


Der Song Kitsch stellt vieles, an dem sich das menschliche Leben orientieret, infrage. Tradition, Religion, Patriotismus – all das scheint vordergründig Halt zu geben, dabei ist es nur eine bröckelnde Fassade, hinter der sich Löcher in eben den Ideen auftun, die den Alltag der Welt bestimmen. Diese Vorstellung Milan Kunderas greift Dan Mangan lyrisch auf und untermalt den Text musikalisch mit seinem neuen Bandprojekt Blacksmith in düsterer Manier. Dabei spricht er zwar von den frightened States of America – gemeint ist aber die gesamte westliche Welt.

Dass der Inhalt dem Kanadier eine Herzensangelegenheit ist, wird deutlich, als er freudig auf den Liedwunsch aus den leider recht leeren Reihen des Publikums im Karlsruher Substage reagiert. Natürlich lauten die Wünsche auch Robots oder Sold, aber diese Songs bewahrt Mangan sich für die intime  Akustik-Zugabe auf. Und so nimmt Kitsch auf der Setlist den Platz ein, den zuvor ein Fragezeichen zierte. Passend also zu den Sinnfragen, mit denen sich  das Lied beschäftigt. 

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Dan Mangan spielte am 16.09. im Substage in Karlsruhe. Weitere Termine der Deutschlandtour hier.

Father John Misty @ Haldern Pop 2015

Im Regen vor einer Festivalbühne zu stehen, ist mit Sicherheit von nur wenigen Menschen die Lieblingsbeschäftigung, doch manchmal ist das nicht zu vermeiden. So wie dieses Jahr auf dem Haldern: Irgendwann fing der Regen an und hörte erstmal nicht mehr auf, Father John Misty kommt auf die Bühne und ganz hinten möchte man ja auch nicht stehen bleiben.

Und so fängt er an zu singen, tänzelt umher, schmettert Crooner-Balladen und absurde Pophymnen, die sich um merkwürdigen Sex drehen. Dazu bietet er seine Macho-Bühnenpersona auf, pöbelt gegen Essensstände und Zuschauer, die unter deren Dächern geblieben sind. Zum Glück kehrt er jedoch immer wieder zu den Liedern zurück und diese vertreiben nach der Hälfte sogar den Regen (Kommentar: „You’re welcome.“) und ich bin mir sicher, hätte Father John Misty noch länger spielen dürfen, wäre sogar die Sonne aus den Wolken hervor gekommen.

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Haldern #9: Father John Misty spielte am 15. August 2015 auf der Hauptbühne.

Bernd Begemann @ Haldern Pop

Doppelt hält besser. Zwar wäre auch eins der beiden Konzerte von Bernd Begemann auf dem Haldern Pop 2015 unvergesslich geblieben, in Kombination stellen sie aber das absolute Highlight des diesjährigen Festivals dar. Denn aufgrund des unerschöpflichen Repertoires (s. Bild) des Songwriters aus Bad Salzuflen und seinen nie langweilenden erheiternden Darbietungen seiner Weltansichten werden die beiden Bühnengänge – wie eigentlich immer – zu einem einzigen großen Entertainment. Dabei ist erstaunlich, dass es nicht nur die alten, bekannten Songs sind, die vom Publikum mit Freude aufgenommen und nachgesungen werden. Neben dem zweimal dargebotenen Zweimal Zweite Wahl oder der bekannten Liebesode Ich habe nichts erreicht außer dir, stimmen etwa auch beim neuen Unoptimiert alle mit ein, als sei es schon auf dem unvergleichlichen Album Live! enthalten gewesen und jedem Konzertbesucher bestens bekannt.

Bernd Begemann und die Befreiung sind allerdings alles andere als unoptimiert, denn besonders spürbar wird die jahrzehntelange Bühnenerfahrung des Quartetts. Wenn Begemann einen seiner vielen gedanklichen Ausritte unternimmt, erhält die Band unbeirrt den musikalischen Hintergrund für die Erzählungen des Frontmannes aufrecht. Dabei trägt er mit viel Ironie Themen vor, die die Welt bewegen, am häufigsten handelt es sich um Liebe und natürlich Sex. Dass Unterhaltung für ihn bei einem Konzert im Vordergrund steht, wird spätestens klar, als er beim zweiten Auftritt in tiefster Nacht im Spiegelzelt einem Zuruf aus dem Publikum – Ausziehen! – prompt folgt und sein Hemd von sich reißt. Und natürlich müssen alle mitmachen und tun es auch. Das liegt sicherlich nicht nur an den erheiterten Gemütern zu später Stunde, sondern auch an der immer wieder mitreißenden Begemann-Show.

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Haldern #8: Bernd Begemann spielte am 13. August 2015 in der Haldern Pop Bar und am 14. August 2015 im Spiegelzelt.

Alexi Murdoch @ Hauskonzert/Haldern Pop 2014

Die zwei schönsten Konzerte von Alexi Murdoch könnten kaum unterschiedlicher sein. Das erste, ein Hauskonzert in München 2011, auf einem Dachboden irgendwo in Giesing, in schummrigen Licht, er allein am Ende des Raumes. Seine Lieder schwebten in wunderbar zurückgenommenen Versionen durch den Raum, über unsere Köpfe hinweg, und verhuschten irgendwo im Gebälk.

Das Konzert beim letztjährigen Haldern Pop Festival (über das diesjährige Line Up berichten wir hier) war genau das Gegenteil: Murdoch stand gemeinsam mit dem Stargaze Orchestra in der weiträumigen Dorfkirche, und das Orchester verwandelte die Lieder in vollkommen andere. Ein Instrument nach dem anderen kam hinzu, begleitete ihn für ein paar Momente und verschwand wieder. Die Musik wogte auf und ab, atmete wie ein lebendiger Organismus. Mittendrin stand Alexi Murdoch, genauso schüchtern wie auf dem Münchner Dachboden, doch seine Stimme hallte diesmal viel weiter, erfüllte die gesamte Kirche und verklang erst im gebrochenen Licht der Kirchenfenster.

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Jessie Baylin @ Grimey’s (Nashville, TN)

 

Unverhofft kommt oft. Zwei Tage in der City of Music, dabei einfach nur in einen Plattenladen und in Ruhe ein bisschen schmökern – falsch gedacht. Denn im ausgewählten Geschäft finden sich ein paar Dutzend Besucher wieder, die gespannt auf das Release-Konzert zu Jessie Baylins neuem Album „Dark Place“ warten. Wie ein düsterer Ort kommt Grimey’s allerdings nicht daher – stattdessen gibt es kostenloses Bier, Kinder laufen herum und spielen, während sich die Künstlerin samt Band auf ihr kurzes Set vorbereitet. Als die fünf Musiker beginnen, lassen Bass, tiefe Gitarrenakkorde, Drums und nicht zuletzt die Stimme Baylins den Boden des kleinen Verkaufsladens vibrieren. Nach dem ersten Song lächelt die junge Mutter und sagt erleichtert „it’s good to be back!“ Damit drückt sie nicht nur ihr Comeback auf musikalischer Bühne aus, sondern auch ihre Rückkehr ins Leben. Denn die einzelnen Songs, die Baylin zum Besten gibt, vermitteln genauso wie das gesamte vorgestellte Album ein Gefühl, nämlich das vom Entkommen vor dem schwarzen Abgrund. Jedes Lied wirkt in dem Moment ihres Auftritts wie eine Reinigung an deren Ende die Songwriterin die dunkle Vergangenheit hinter sich lässt und die von Glück erfüllte Gegenwart vorfindet. Und der neutrale Beobachter merkt – das hier ist keine Show, das ist echt. Unverhofft kommt selten.

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