Okkervil River – Down The River Of Golden Dreams + Don’t Fall In Love With Everyone You See

Angesichts dem voraussichtlichen Ende von Okkervil River wird vorkopplung in den nächsten Wochen eine Übersicht des Werks der Band versuchen, in mehreren Teilen hören wir uns noch einmal chronologisch durch ihre Diskographie, mit dem neuen Album Away endend. Dies ist der erste Teil:

Die ersten beiden Alben von Okkervil River wirken beim jetzigen Hören eigenartig grandios, fast pompös für eine junge Band. Das ist nicht unbedingt als Kritik gemeint, doch besonders auf Down The River Of Golden Dreams türmt sich die Dramatik manchmal so rasant auf, dass sie einengt, dass sich die Lieder gar nicht erst entfalten können. Auf der anderen Seite gibt es wahre Perlen, die die erhoffte Weite der Instrumentierung besser balancieren. In It Ends With A Fall schwingt sich die Orgel zwar genauso hoch, doch der Aufbau ist organischer, Will Sheffs Stimme bricht in den richtigen Augenblicken und das Lied schließt einen wunderbaren Kreis.

Musikalisch sind die Alben, die man in diesem Aspekt aufgrund ihrer Ähnlichkeiten durchaus zusammenwerfen kann, noch viel mehr im Americana und Alt-Country verortet als spätere Platten: Besagte Orgel, Akustik-Gitarre sowie gelegentlicher Piano- und Streicher-Einsatz bestimmen den Sound. Textlich ist es interessant zu hören, wie schnell sich Sheff weiterentwickelt, wenn sich auf dem Debütalbum noch klobige, etwas zu unsubtile Konstruktionen finden (Seas Too Far To Reach: Let’s go back up to your house / And take our clothes off / and just push and pull ourselves / until we’re deep inside of sleep. / […] / and in the morning / we’ll awake, / as a foreign dawning breaks, / my men and I / we’ll all awake / let’s try again.), kreiert Don’t Fall In Love With Everyone You See schon die Ansätze einer Mythologie, die das Nachfolge-Meisterwerk Black Sheep Boy so einzigartig machen sollten.

Ein Lied sticht dabei besonders heraus, und besonders im Licht des diesjährigen Okkervil River R.I.P scheint es wie ein direkter Vorläufer: Okkervil River Song. Die Band hat ihren Namen von einer russischen Kurzgeschichte der Autorin Tatyana Tolstaya (hier eine Lesung von Will Sheff), in der die Hauptfigur sich über die Lieder einer alten Schallplatte in paradiesische Begegnungen mit der Sängerin am Okkervil Fluss imaginiert, nur um von einem tatsächlichen Treffen am Ende bitter enttäuscht zu werden. Das Lied der Band hat nur indirekt mit der Geschichte zu tun, doch der Fluss spielt auch hier eine gewaltige Rolle. Die Art und Weise, wie Sheff hier Naturbilder mit einer Beziehung in Relation setzt, wie der verunreinigte Fluss der einzige Rückzugsort des Paares ist, erinnert dabei schon stark an kommende Texte. Als letztes Lied auf dem Album platziert, scheint es, als ob die Band hier zu sich selbst – ganz wörtlich zum Okkervil River – findet, wie eine Vorahnung, die sich bewahrheiten sollte.

[kaufen | Foto vom Okkervil Fluss]

 

Okkervil River – Okkervil River R.I.P.

Das neue Album von Okkervil River Album Away wird im September erscheinen. Dem Vernehmen nach wäre es fast nicht unter dem alten Bandnamen erschienen, der Sänger und Songschreiber Will Sheff nahm die Songs größtenteils mit anderen Musikern auf. Trotzdem entschied er sich letztlich die Musik als Okkervil River zu veröffentlichen, wie seit ungefähr 15 Jahren.

Es wird jedoch das wahrscheinlich letzte Album der Band sein, und so ist die erste Auskoppelung und der Eröffnungstrack dann auch programmatisch betitelt: Okkervil River R.I.P. Im Video sieht man wie Sheff Zeuge seiner eigenen Beerdigung wird – eine offensichtliche Symbolik des Abschlusses und Neugeburt. Der Text des Liedes ist im Vergleich dazu einigermaßen kryptisch, die eben angesprochenen Themen scheinen nur unregelmäßig durch. Musikalisch scheint es wie ein Schritt in Richtung Wurzeln, weg vom 80er Pop-Rock des letzten Albums, hin zu akustischeren, organischeren Instrumentierungen.

Angesichts des scheinbaren Endes von Okkervil River werden wir uns auf vorkopplung in den nächsten Wochen an einer Übersicht über das Gesamtwerk der Band versuchen. In mehreren Teilen hören wir uns noch einmal chronologisch durch ihre Diskographie, mit Away endend. Mehr dazu und den ersten Teil gibt es in den nächsten Tagen!

[Away erscheint am 9. September; vorbestellen | Bildquelle/Video]

Jards Macalé -Soluços

Ungefähr nach zwei Dritteln des wunderbaren Films A Cidade Onde Envelheço tritt eine der Protagonistinnen in einen winzigen Plattenladen, auf der Suche nach einem Geschenk. Der Verkäufer fragt, welche Musik sie mag und sie nennt Caetano Veloso, besonders die Sachen aus den 70ern, die melancholischeren. Als Empfehlung legt der Verkäufer, und mit ihm der Film, Soluços von Jards Macalé auf ­– es beginnt, die Szene endet.

Stattdessen sehen wir wie Belo Horizonte an einem Fenster vorbeirauscht, eine Kreuzung nach der anderen. Während sich das Lied nun hochschaukelt, verdichten sich auf intensive Weise auch die Emotionen, die der Film bisher nur subtil angelegt, noch nicht ausbuchstabiert hat. Das Heimweh und der Schmerz, den der Abschied aus der Stadt mit sich bringen wird. Soluços hält dies in sich und besonders Macalés Stimme verdeutlicht mit einem Mal, was auf dem Spiel steht. Eine tolle Sequenz aus einem tollen Film, große Empfehlung rundherum.

[Website | mehr zu A Cidade Onde Envelheco von mir an anderer Stelle | Bildquelle]

bed. – Billy Joel

Trotz des Titels kommt mir beim Anhören von Billy Joel nicht Billy Joels Musik in den Sinn, sondern vielmehr die Indie-Rocker Seam, die in den 1990ern aktiv waren. Deren Album Are You Driving Me Crazy? war 2005, 10 Jahre nach Erscheinen, wahrscheinlich eines meiner meistgehörtesten Alben des Jahres. Mit seiner Mischung aus langsamer Melancholie und geradlinigen Rock scheint es heute wie gemacht für die Irrungen von damals.

Billy Joel von bed. transportiert mich nun zurück in jene Zeit, zurück in diese seltsamen Teenager-Tage. Die Stimmung des Liedes passt perfekt zu solchen Exkursionen, die zurückhaltende Stimme, die wunderbar mit dem wummernden Bass harmoniert und das nur leicht variierende Tempo. Heraus kommt eine stete Fahrt durch sanfte Hügellandschaften, wo Erinnerungen kurz unaufdringlich aufflackern, nur um genauso schnell wieder zu verblassen.

[kaufen | Bild von Emi Uekoa]

Furguson – Black Cloud / Can You Hear Me?

Vielleicht liegt es am sonnenverwöhnten Spanien, aus dem Furguson stammen, dass in ihrem neuesten Lied eine schwarze Wolke als unerreichbarer Sehnsuchtsort erscheint. Eduard Vilas kryptischer Text hallt von weit her, wie die ersten Anzeichen eines Sturmes, wie die Verdunkelung des Himmels – jedoch ohne Bedrohlichkeit, ohne Unheil zu verkünden.

Auch Can You Hear Me? entwickelt eine ähnliche Atmosphäre: zwischen Lakonie und Fernweh wiederholt Vila die titelgebende Frage, untermalt von zahlreichen elektronischen Spielereien. Es klingt verzweifelt und hoffnungsvoll zugleich, weniger ein Flehen als eine aufrichtige Nachfrage in verwirrenden Zeiten.

[Bandcamp]

Mixtape: Rainy Summer Day

Wenn es in diesen Tagen mal wieder und immer noch regnet, und niemand das Haus verlassen möchte. Ein Mixtape für solche Nachmittage, am besten mit Regenrauschen im Hintergrund:

 

Tracklist:

  1. Rozi Plain – Actually
  2. Wavves x Cloud Nothings – Nothing Hurts
  3. Kevin Morby – I Have Been to the Mountain
  4. Songs: Ohia – Two Blue Lights
  5. Thao & The Get Down Stay Down – Millionaire
  6. Car Seat Headrest – Drunk Drivers / Killer Whales
  7. Emmecosta – Untied feat. Kewee
  8. Dream Panther – Cote d’Ivoire feat. Speak & ISAIAH
  9. Fog Lake – Shanty Town
  10. Jack Lesser Lewis‘ Awkward Energy – Summertime Called
  11. Big Cream – What A Mess
  12. Damian – When You Were A Kid
  13. Matt Pryor – I Brought You Flowers

Fog Lake – Rattlesnake

Fog Lake brauchen nicht viel um eine ganz bestimmte Stimmung zu erzeugen. Eine E-Gitarre, die weder schnarrt noch zerrt, eine effektbeladene Stimme, ein Schlagzeug und nicht mehr. Daraus entsteht eine süße Melancholie, mit Rattlesnake ein Lied, das sich öffnet und schließt, das die Dämmerung eintreten lässt.

[Bandcamp]