Desaparecidos – City on the Hill

In den Pionierzeiten der mp3s hatte das erste Album der Desaparecidos Read Music, Speak Spanish für mich mythenhaften Status. Von einem Freund erhielt ich es als Teil eines dieser riesigen Datenaustausche, die man damals ja noch regelmäßig, manchmal auch mit Halbfremden, unternommen hat. Beim ersten Hören stellte ich dann fest, dass 3 von 9 Dateien korruptiert und nicht abspielbar waren, in den Bann gezogen war ich jedoch trotzdem. So taten sich als Bright Eyes Fan ganz neue Welten auf: Conor Oberst, der ins Mikrofon schreit!

Das Album, bzw. das, was ich davon abspielen konnte, habe ich dann rauf und runter gehört, Man and Wife, The Latter auf unzählige Mixtapes und -CDs gepackt und mir vorgestellt, wie es wäre, in Greater Omaha zu wohnen. Jahre später habe ich dann von irgendeiner anderen Festplatte die komplette Version gezogen, es jedoch nie wirklich gehört und so bleibt Read Music, Speak Spanish für mich eine Platte mit sechs großartigen Stücken, nicht neun.

Das neue Album der Band Payola, das 2015 erschienen ist, wird diesen Status für mich wahrscheinlich niemals erreichen. Es wirkt ein wenig altmodisch, wie aus den 00er Jahren liegengeblieben, und dass obwohl in den Texten ‚99%‘ und ‚Anonymous‘ Referenzen auftauchen – wobei auch die im Jahr 2015 nicht mehr die heißeste Ware waren. Die Musik geht in eine ähnliche, muffig wirkende Richtung, mit fett produzierten Power Chords, die zwar versuchen die Lieder in Richtung Protesthymne zu ziehen, sie aber meist nur zu erdrücken drohen.

Nur ein Track sticht schließlich heraus und City on the Hill klingt wahrscheinlich nicht umsonst am ehesten wie ein Stück des ersten Albums. Hier eröffnet das Gitarrenriff einen Raum, in dem sich die lyrischen Verweise zu einem dichten Netz verwickeln können, das von den Gründungsvätern und American exceptionalism über verschiedene Iterationen von Rassismus bis zum deregulierten Finanzkapitalismus führt. Durch das Riff wird der Refrain immer wieder auf wunderbare Weise abgebrochen, doch wenn er gegen Ende endlich in einem Gitarrensolo und einem langgedehnten Schrei von Oberst mündet, ist das wie die lang ersehnte Erlösung, nach der sich auch der Text sehnt.

An die sechs Lieder von Read Music, Speak Spanish reicht City on the Hill dadurch natürlich trotzdem nicht ganz heran, doch gelohnt hat sich die Reunion für diese drei Minuten allemal.

[Album-Stream | kaufen | Foto von Joe Shlabotnik]

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